“Wann gibt’s den Film auf Youtube?” fragte gestern jemand aus dem Publikum, unmittelbar nach Beginn des Berlinale-üblichen “Q’n’A” zum Film von Romuald Karmakar Angriff auf die Demokratie. Eine Intervention. Zum Glück fragte das jemand, lag mir doch die gleiche Frage auf der Zunge, aber ich trau mich sowas nicht vor ausverkauftem Haus, und überhaupt.
Empört war ich dann allerdings über die Antwort von Karmakar (sinngemäß): “Naja, erstmal nicht. Es gibt Verhandlungen für weitere Aufführungen beim Goethe Institut, 3sat oder vielleicht auch irgendwas Großes mit der FAZ. Mal sehen. Es müssen auch die Produktionskosten wieder reinkommen, so 1600 Zeilen Übersetzung kosten auch Geld. Ähm.”
Wie bitte? Der Film besteht aus Material einer Aufzeichnung einer Veranstaltung im Dezember 2011 im Haus der Kulturen der Welt. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde die “Intervention” von den Teilnehmern selbst organisiert. Karmakar hat davon Wind bekommen und bat um einen Video-Aufzeichnung durch die “Haustechniker”. Ohne sein Zutun. Die von Kulturzeit haben auch mitgedreht. Zehn zum Teil namhafte Personen (ich kannte nur Joseph Vogl, Roger Willemsen, Carolin Emcke und Friedrich von Borries) haben jeweils zehn Minuten über die Krise und den mangelhaften Umgang der Intellektuellen dieses Landes damit gesprochen. Karmakar hat sich das Material besorgt und die Vorträge mit jeweils ca. 2-3 Umschnitten aneinandermontiert. Dann kamen die Untertitel. Ein teurer Film ist das nicht!
Aber ein zweckmäßiger. Es ist ein Film mit einer Botschaft. Beinahe alles Formale wird weggelassen, damit jeder der Redner möglichst klar seine Botschaft vermitteln kann. Kein popiges, ablenkendes, verharmlosendes, anbiederndes Schmuckwerk. Und es ist eine Botschaft, es sind Botschaften, die unbedingt viele Menschen hören sollten. Völker hört die Signale. Die Initiative der zehn Leute will nichts weniger als einen Stein ins Rollen bringen. Die machen ihr Maul auf. Für eine bessere Gesellschaft, für mehr politische Verantwortung jedes einzelnen. Fordern das auf hohem aber verständlichen Niveau. Jeder für sich glaubhaft, ehrlich. Mich hat das sehr angesprochen und aufgewühlt. Toll sowas, dachte ich.
Bis sich der Herr Filmemacher dazwischen schiebt und die eigentlich gute Idee, diese übersehene Veranstaltung im letzten Jahr für möglichst viele zugänglich zu machen, etwas in Absurde schiebt, indem er den Film ganz prestigeträchtig zur Berlinale bringt. Und dann noch weiter: sich dort als tollen Macher feiern läßt, der aber seine Autorschaft bewahrt sehen will (ein Film von…) und der nur weiter mit den anderen tollen und intellektuellen Nischen-Kultur-Marken Goetheinsititut, 3sat und FAZ reden will. Marken, die zwar in gewissen Kreisen einen Ruf haben, die aber nicht wirklich weit strahlen. Oder um es klarer zu sagen: die einfach nicht zeitgemäß sind, um eine dringende Botschaft unter die Leute zu bringen. Auf irrwitzige Weise scheint da jemand seine eigene Idee nicht richtig verstanden zu haben. Klar, auch Youtube ist ein kommerzielles Unternehmen, aber die Wirkung, die dieser Film entfalten könnte, wenn er dort für alle zu sehen wäre, international, von Bloggerinnen und Bloggern diskutiert und verbreitet, in Teilen, in Gänze, sie wäre vermutlich um ein vielfaches größer, als durch ein Screening vor geladenen Gästen im Athener Goethe Institut, eine Ausstrahlung zur besten Sendezeit auf 3sat um 0.45Uhr im toten Medium Fernsehen oder als durch einen Leitartikel in der FAZ zur DVD-Edition des Films für 9,95€.
Wieviele Menschen gaben ihr allerletztes Hemd für eine wichtige Sache? Wievielen Praktikanten (beim Film) wird suggeriert, dass ihr kostenloses Tun einer wichtigen Sache diene und irgendwann mit Erfolg belohnt wird? Und dann scheut sich Karmakar “seinen” Film ins Internet zu stellen, weil er die Untertitel erstmal refinanziert haben will. Schon mal was von Crowdfunding gehört? Gibts im Internet. Aber Internet ist Karmakar vielleicht nicht seriös genug….
Ach, ich begreife es nicht, warum eine so gute Sache, durch Eitelkeit so ausgebremst wird. Wer kann es mir erklären? Na, vielleicht besinnt sich der Mann ja noch oder die anderen Beteiligten reden mal mit ihm.
Hier und hier gibt es weitere Informationen:
http://www.freitag.de/kultur/1150-angriff-auf-die-demokratie
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kulturwelt/
NACHTRAG: Matthias Dell schreibt auch darüber im “Freitag”. Gut, dass auch er sich über diese Distributionsunlogik wundert. Allerdings sieht er in der Geste von Karmakar, den Film gemacht zu haben und zur Berlinale zu bringen, eher eine Kritik von Karmakar an der Selbstinszenierung der Redner. Karmakars eigener Beitrag des Abends war schließlich lediglich ein Film in einer Einstellung, eine Ziegenweide zeigend. Muss ich mal drüber schlafen…